Dann lassen Sie uns über die Ursachen reden. Sie haben kürzlich in einer Studie nachgewiesen, dass 70 Prozent des zusätzlichen Risikos für Extremhitze auf 180 grosse Konzerne zurückgehen. Heisst das, dass die Bevölkerung kaum einen Einfluss auf den Klimawandel hat?
Nein. Der Fokus der Studie lag auf den Produzenten von Erdöl, Gas, Kohle und Zement. Solche Konzerne stossen enorme Emissionen aus und tragen dementsprechend eine grosse Verantwortung für den Klimawandel. Die Konsumenten sind aber auch ein Teil der Gleichung. Wer ein Benzinauto fährt, ist Teil der Kausalitätskette. Letztlich ist es eine geteilte Verantwortung.
Technologien zur CO2-Entnahme sind in den letzten Jahren stark weiterentwickelt worden. Viele Leute hoffen auf gigantische «Luft-Staubsauger», die das Problem lösen.
Das wird aus verschiedenen Gründen schwierig. Zunächst einmal benötigen solche Technologien enorm viel Energie und sind sehr teuer. Zudem reicht es nicht, das CO2 einfach aus der Atmosphäre zu entfernen. Es muss auch irgendwo im Untergrund gelagert werden, wo der Boden geeignet ist. Island wäre vom Boden her eine Möglichkeit, aber dann müsste man gigantische Mengen von CO2 in Pipelines Tausende von Kilometern von der Schweiz dorthin transportieren. Das scheint mir nicht sehr effizient zu sein.
Wäre es auch denkbar, CO2 in der Schweiz zu lagern?
Grundsätzlich wäre es laut Experten möglich. Aber ich bin skeptisch, ob die Bevölkerung das akzeptieren würde.
Unabhängig vom Speicherort: In welcher Grössenordnung ist eine CO2-Entnahme realistisch?
2015 wurde im Pariser Klimaabkommen beschlossen, die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null zu reduzieren. In einigen Bereichen wird es aber nicht möglich sein, ganz auf null zu kommen.
Landwirtschaft, Industrie, Abfallverbrennung.
Genau. Diese Rest-Emissionen könnten mittels CO2-Entnahme kompensiert werden. Im Weltklimarat IPCC gehen wir von 10 Prozent aus. Das ist nicht viel, aber trotzdem ein kleiner Teil der Lösung, wenn man Netto-Null erreichen will.
Was ist der grösste Teil?
Alles, was mit erneuerbaren Energien zusammenhängt. Wasserkraft, Solarpanels, Windturbinen, Erdwärme. Wir haben viele Lösungen. Ich bin deshalb auch gar nicht pessimistisch, was die Bewältigung des Klimaproblems betrifft.
Sie sind zuversichtlich?
Ja. Schauen Sie, die Klimakrise ist im Kern eine Energiekrise. Lange haben wir im fossilen Zeitalter gelebt, nun müssen wir den Übergang zum Zeitalter ohne fossile Energieträger schaffen. Die gute Nachricht ist: Gerade Solar- und Windenergie sind heute bereits kostengünstiger als die fossilen Energien. Es macht also auch wirtschaftlich Sinn, die erneuerbaren Energien noch mehr zu forcieren.
Das ist eine klare Forderung. Der Historiker Caspar Hirschi ist der Meinung, dass Experten nur beschreiben und erklären, aber keine Massnahmen empfehlen sollten.
Das sehe ich nicht so. Niemand würde sagen, Ärzte sollten nur die Krankheit beobachten, aber keinen Rat geben. Das wäre verantwortungslos. Vielmehr gibt der Arzt eine Empfehlung ab, die Entscheidung muss der Patient dann allerdings selbst treffen.
Übertragen auf die Klimaforschung?
Die Klimaforscher liefern Informationen, leiten daraus Optionen ab und empfehlen manchmal auch Massnahmen. Die Entscheidungen müssen aber von der Politik getroffen und von der Gesellschaft getragen werden.
Wie beim Pariser Klimaabkommen.
Genau. Die Schweiz hat auch unterzeichnet, wir wollen also, dass die Erwärmung deutlich unter 2 Grad bleibt. Das hat Konsequenzen, und diese zeigen wir in der Klimaforschung deutlich auf.
Ist dieses Ziel noch erreichbar?
Was viele nicht wissen: CO2 bleibt noch Hunderte bis Tausende von Jahren in der Atmosphäre. Selbst wenn wir ab sofort keinerlei Treibhausgase mehr ausstossen, würden wir bis zum Ende des Jahrhunderts lediglich einen leichten Rückgang der Temperatur feststellen.
Heisst?
Wenn es kaum mehr CO2-Emissionen gibt, und wenn wir diese Kipppunkte noch nicht erreicht haben, dann könnten wir die globale Erwärmung wenigstens stabilisieren. Was nicht geht, ist die Rückkehr zum Klima von 1900, also vor dem industriellen Zeitalter. Dieser Zug ist abgefahren.