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Sonia Seneviratne

Es wäre Chaos

Eine 3-Grad-Welt, 25 Tropennächte, 40 Grad im Sommer – viele Leute können solche Szenarien nicht mehr einordnen. Was wirklich hinter den Zahlen steckt, erklärt die ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne.

Sonia Seneviratne, kürzlich sind die neuen Klimaszenarien CH2025 erschienen, an denen Sie mitgewirkt haben. Welche Zahl aus dem Bericht sollten alle kennen? 
7 Grad Celsius. So viel wärmer im Vergleich zur vorindustriellen Zeit würde die heisseste Nacht des Jahres in einer 3-Grad-Welt. Das ist extrem viel.

Am Beispiel von Zürich?
Die Temperatur würde in der Nacht nicht unter 23 Grad fallen.

Sprechen wir da von einem einsamen Höchstwert?
Nein, keineswegs. Den ganzen Sommer hindurch würde es deutlich mehr Tropennächte geben.

Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. 
In Zürich rechnen wir in diesem Szenario mit 25 Tropennächten pro Jahr, das sind zehn Mal mehr als heute. In Lugano wären es sogar 57 Tropennächte.

Mit welcher Hitze müsste man tagsüber rechnen?
Der heisseste Tag des Jahres würde um 4.4 Grad wärmer. In Basel wären das 38.8 Grad.

Das ist viel, aber solche Temperaturen hatten wir in den letzten Jahren auch schon. 
Der grosse Unterschied ist: Was heute noch seltene Ausreisser nach oben sind, würde in einer drohenden 3-Grad-Welt zum Normalfall werden. Man muss dazu zwei Dinge wissen. In einer 3 Grad-Welt hätten wir hier eine Erwärmung von 4.9 Grad Celsius. Die Schweiz ist wegen ihrer Lage besonders stark betroffen. Und: Drei Grad sind ein Durchschnittswert. In Hitzesommern würden es weit mehr sein.

Was heisst das genau?
Jetzt schon gibt es in Teilen von Kanada, die in ähnlichen Breitegraden wie die Schweiz liegen, Hitzewellen mit Temperaturen von 50 Grad.

Statt von einer 3-Grad-Welt könnte man also auch von einer 40-Grad-Schweiz sprechen – das würde die Leute vermutlich stärker beeindrucken. Abgesehen von der Hitze: Wie würden Sie der breiten Bevölkerung eine solche Schweiz beschreiben?
Grosse Flächen mit ausgetrockneten Böden. Immer wieder Überflutungen nach Starkregen. Die Nullgradgrenze liegt auf etwa 1450 Metern über Meer, was der Höhe von Andermatt entspricht. Wintersportorte haben im Winter kaum mehr Schnee, Gletscher sind zum grössten Teil verschwunden.

Für den Schriftsteller Franz Hohler ist der Aletschgletscher das eindrücklichste Symbol des Klimawandels. Welcher Ort ist es für Sie? 
Gar kein bestimmter Ort, sondern generell die Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme und Tiere. Wenn ich Bilder von Hitzewellen und Waldbränden in Kanada oder Australien sehe – das sind für mich die Symbole dieser Krise. Und natürlich macht es mich äusserst betroffen, wenn Leute an den Folgen des Klimawandels sterben.

Die konkreten Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen kommen in der aktuellen Debatte viel zu kurz. Sie haben kürzlich in einer Studie gezeigt: Ein Kind, das 2020 in Zürich geboren wurde, wird im Laufe seines Lebens bis zu 42 Hitzewellen erleben.
Wenn man von 3.5 Grad Erwärmung ausgeht, ja. Man muss solche Aussagen aber sorgfältig einordnen: Prognosen sind schwierig, weil sie auch von gesellschaftlichen Entscheiden abhängen. Seit Donald Trump Präsident der USA ist, sind die Projektionen ungünstiger, als sie bei Kamala Harris gewesen wären. Solche politischen Konstellationen kann man in der Klimaforschung natürlich nicht vorhersagen. Aber ja: 42 Hitzewellen, das ist eine beeindruckende Zahl.

Gehen wir weg von der Schweiz und blicken auf die drohende 3-Grad-Welt. Was sehen wir da?
Wir wissen, dass der Amazonas bei 2.8 Grad globaler Erwärmung austrocknen könnte. Der Regenwald könnte komplett verschwinden, was noch viel mehr CO2 in der Atmosphäre zur Folge hätte. Das Abschmelzen des Grönland-Eises erwarten wir bereits bei einer Erwärmung zwischen 1.5 und 2 Grad. Das würde viele Inselstaaten überfluten und zerstören.

Für Sie sind solche Bilder die Symbole dieser Krise. Viele Leute in der Schweiz fragen sich aber: Was hat das mit mir zu tun?
Die Schweiz ist ein Teil dieser Welt. Bei einer globalen Erwärmung von 2 Grad beispielsweise sind die landwirtschaftlichen Gebiete der Welt nochmals viel stärker vom Klima betroffen als bei 1.5 Grad. Die Produktion von Nahrungsmitteln wäre extrem eingeschränkt, die Lieferketten unterbrochen, manche Produkte würde es in Schweiz schlicht nicht mehr geben. 

Man könnte einwenden: Das ist zwar unangenehm, aber aushaltbar.
Es gibt noch weitaus schlimmere Szenarien. Wir müssen uns von der Idee lösen, wonach sich die Erde über die Jahre und Jahrzehnte völlig gleichmässig erwärmt. Vielmehr gibt es Kipppunkte, also kritische Schwellen, bei deren Überschreiten sich Ökosysteme abrupt, unumkehrbar und oft selbstverstärkend verändern.

Zum Beispiel?
Wenn der Grönländische Eisschild abschmilzt, was ab einem bestimmten Erwärmungsgrad nicht mehr aufzuhalten wäre, würde der Meeresspiegel über Jahrhunderte stark ansteigen. Das würde zu einer globalen Destabilisierung unserer Zivilisation folgen. 

Was heisst das?
Es wäre Chaos. 

Sie sagten im Zusammenhang mit dem Grönland-Eis, dass es einen grossen Unterschied macht, ob die Erwärmung 1.5 oder 2 Grad beträgt. Die meisten Leute erachten solche kleinen Differenzen vermutlich als unerheblich.
Im Gegenteil, sie können matchentscheidend sein. Mit jedem Zehntelgrad Erwärmung steigt das Risiko markant, dass man einen solchen globalen Kipppunkt erreicht.

Dann lassen Sie uns über die Ursachen reden. Sie haben kürzlich in einer Studie nachgewiesen, dass 70 Prozent des zusätzlichen Risikos für Extremhitze auf 180 grosse Konzerne zurückgehen. Heisst das, dass die Bevölkerung kaum einen Einfluss auf den Klimawandel hat? 
Nein. Der Fokus der Studie lag auf den Produzenten von Erdöl, Gas, Kohle und Zement. Solche Konzerne stossen enorme Emissionen aus und tragen dementsprechend eine grosse Verantwortung für den Klimawandel. Die Konsumenten sind aber auch ein Teil der Gleichung. Wer ein Benzinauto fährt, ist Teil der Kausalitätskette. Letztlich ist es eine geteilte Verantwortung.

Technologien zur CO2-Entnahme sind in den letzten Jahren stark weiterentwickelt worden. Viele Leute hoffen auf gigantische «Luft-Staubsauger», die das Problem lösen.
Das wird aus verschiedenen Gründen schwierig. Zunächst einmal benötigen solche Technologien enorm viel Energie und sind sehr teuer. Zudem reicht es nicht, das CO2 einfach aus der Atmosphäre zu entfernen. Es muss auch irgendwo im Untergrund gelagert werden, wo der Boden geeignet ist. Island wäre vom Boden her eine Möglichkeit, aber dann müsste man gigantische Mengen von CO2 in Pipelines Tausende von Kilometern von der Schweiz dorthin transportieren. Das scheint mir nicht sehr effizient zu sein. 

Wäre es auch denkbar, CO2 in der Schweiz zu lagern?
Grundsätzlich wäre es laut Experten möglich. Aber ich bin skeptisch, ob die Bevölkerung das akzeptieren würde.

Unabhängig vom Speicherort: In welcher Grössenordnung ist eine CO2-Entnahme realistisch?
2015 wurde im Pariser Klimaabkommen beschlossen, die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null zu reduzieren. In einigen Bereichen wird es aber nicht möglich sein, ganz auf null zu kommen. 

Landwirtschaft, Industrie, Abfallverbrennung. 
Genau. Diese Rest-Emissionen könnten mittels CO2-Entnahme kompensiert werden. Im Weltklimarat IPCC gehen wir von 10 Prozent aus. Das ist nicht viel, aber trotzdem ein kleiner Teil der Lösung, wenn man Netto-Null erreichen will.

Was ist der grösste Teil?
Alles, was mit erneuerbaren Energien zusammenhängt. Wasserkraft, Solarpanels, Windturbinen, Erdwärme. Wir haben viele Lösungen. Ich bin deshalb auch gar nicht pessimistisch, was die Bewältigung des Klimaproblems betrifft.

Sie sind zuversichtlich? 
Ja. Schauen Sie, die Klimakrise ist im Kern eine Energiekrise. Lange haben wir im fossilen Zeitalter gelebt, nun müssen wir den Übergang zum Zeitalter ohne fossile Energieträger schaffen. Die gute Nachricht ist: Gerade Solar- und Windenergie sind heute bereits kostengünstiger als die fossilen Energien. Es macht also auch wirtschaftlich Sinn, die erneuerbaren Energien noch mehr zu forcieren.

Das ist eine klare Forderung. Der Historiker Caspar Hirschi ist der Meinung, dass Experten nur beschreiben und erklären, aber keine Massnahmen empfehlen sollten.
Das sehe ich nicht so. Niemand würde sagen, Ärzte sollten nur die Krankheit beobachten, aber keinen Rat geben. Das wäre verantwortungslos. Vielmehr gibt der Arzt eine Empfehlung ab, die Entscheidung muss der Patient dann allerdings selbst treffen. 

Übertragen auf die Klimaforschung?
Die Klimaforscher liefern Informationen, leiten daraus Optionen ab und empfehlen manchmal auch Massnahmen. Die Entscheidungen müssen aber von der Politik getroffen und von der Gesellschaft getragen werden. 

Wie beim Pariser Klimaabkommen.
Genau. Die Schweiz hat auch unterzeichnet, wir wollen also, dass die Erwärmung deutlich unter 2 Grad bleibt. Das hat Konsequenzen, und diese zeigen wir in der Klimaforschung deutlich auf.

Ist dieses Ziel noch erreichbar?
Was viele nicht wissen: CO2 bleibt noch Hunderte bis Tausende von Jahren in der Atmosphäre. Selbst wenn wir ab sofort keinerlei Treibhausgase mehr ausstossen, würden wir bis zum Ende des Jahrhunderts lediglich einen leichten Rückgang der Temperatur feststellen.

Heisst?
Wenn es kaum mehr CO2-Emissionen gibt, und wenn wir diese Kipppunkte noch nicht erreicht haben, dann könnten wir die globale Erwärmung wenigstens stabilisieren. Was nicht geht, ist die Rückkehr zum Klima von 1900, also vor dem industriellen Zeitalter. Dieser Zug ist abgefahren.

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