Herr Liessmann, Sie sind ein passionierter Rennradfahrer – erleben Sie dort manchmal Phasen, die Sie als «Krise» bezeichnen würden?
Klar. Jeder, der ambitioniert Sport betreibt, kennt den Moment, in dem er an die Grenze seiner körperlichen Leistungsfähigkeit kommt und sich fragt, warum er sich das eigentlich antut. Eine Krise meint genau diese Situation, in der man nicht mehr weiss, wie es weitergehen soll. Beim Rennradfahren, vor allem wenn es einen steilen Pass bergauf geht, heisst das konkret: weiterfahren oder absteigen.
Die vergangenen Jahre waren von zahlreichen grossen Krisen geprägt – vom Ukraine-Krieg über die Finanzkrise bis hin zu Covid. Was ist für Sie das Paradebeispiel einer Krise?
Der Begriff der «Krise» stammt aus der antiken Medizin. Hippokrates bezeichnete damit die entscheidende Phase im Krankheitsverlauf, in der sich zeigt, ob man die Krankheit überwindet oder daran zugrunde geht. Und tatsächlich waren in der Covid-Pandemie alle Symptome einer Krise in reiner Form zu beobachten: Sie kam völlig unerwartet, betraf die gesamte Gesellschaft, die vorhandenen Systeme versagten, es war unklar, mit welchen Mitteln man das Virus bekämpfen kann – und es gab ein klares Ende.
Die Behörden erklärten die Pandemie eines Tages für beendet, nachdem in der Bevölkerung eine breite Immunität festgestellt worden war.
Wobei Beispiele wie Pest, Cholera oder die Spanische Grippe zeigen, dass solche Krisen selbst ohne moderne Medizin irgendwann als überwunden gelten – sei es, weil sich genügend Abwehrkräfte entwickeln oder, so brutal es klingt, irgendwann genug Menschen gestorben sind.
In Ihrem Buch «Was nun? Eine Philosophie der Krise» beschreiben Sie präzise, was echte Krisen ausmacht. Taugt der Klimawandel als Krisenphänomen?
Wer von «Klimakrise» spricht, will häufig Dramatik erzeugen und den Druck zum sofortigen Handeln erhöhen. Aber dieses Phänomen entspricht eindeutig nicht meinem Begriff der Krise.
Lassen Sie uns die Kriterien genauer anschauen. Eine Krise braucht zunächst eine Zäsur, eine klare Trennung zwischen Davor und Danach. Könnte das Pariser Abkommen von 2015 ein solcher Grenzmarker gewesen sein?
Nein. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich über Jahre elend fühlt und erst viel später eine Diagnose erhält. Dessen Leiden setzt ja nicht erst mit der Diagnose ein, sondern bereits lange davor.
Was ist mit dem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» des Club of Rome aus dem Jahr 1972?
Auch nicht. Das Klima spielte dort übrigens noch gar keine zentrale Rolle. Im Fokus waren das Bevölkerungswachstum und die Erschöpfung der Ressourcen. Interessanterweise wurde prognostiziert, dass Öl und Gas bald ausgehen würden und man deshalb auf neue Energien umsteigen müsse – nicht aus ökologischen Gründen. Aber richtig ist: Dieser Bericht und später die Klimakonferenzen signalisierten klar, dass wir ein Problem haben und darauf reagieren müssen.
Wir halten also fest: keine Zäsur, oder?
Wenn überhaupt, dann läge sie im beginnenden Industriezeitalter, als Maschinen, Verbrennungsmotoren, Fabriken und ein rasantes Bevölkerungswachstum die Atmosphäre nachhaltig veränderten. Aber auch das ist zu schwammig – wo sollte man denn da konkret ansetzen, etwa bei der Erfindung der Dampfmaschine?
Zumindest dient das vorindustrielle Zeitalter vielen Klimaaktivisten als nostalgische Referenz: Da war die Welt noch in Ordnung, was die CO2-Emissionen betrifft.
Es war aber auch die Zeit, in der die grosse Mehrheit der Menschen unter kargen Bedingungen lebte. Die Winter waren eiskalt und stellten für viele Menschen eine reale Bedrohung für ihr Überleben dar.
Das bringt uns grad zum nächsten Punkt: Eine Krise muss mit negativem Empfinden einhergehen – Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit. Wem tut der Klimawandel weh?
Sicher den Klimaflüchtlingen, die vor der existenziellen Frage stehen, ob sie bleiben können oder fliehen müssen – etwa von den pazifischen Inseln. Betroffen sind auch ältere Menschen in Städten, die nicht auf die zunehmenden Hitzewellen vorbereitet und deshalb in heissen Sommermonaten einem erhöhten Sterberisiko ausgesetzt sind. Und zunehmende Extremwetterlagen schädigen punktuell jeden, der davon betroffen ist.
So tragisch solche Schicksale sind – wir sprechen von einzelnen Gruppen.
Man muss schon sehen, dass die phänomenologische Schmerzerfahrung des Klimawandels in Gesellschaften wie der unseren eher gering ist. Manche sagen sogar zynisch, es sei bei uns im Sommer jetzt so angenehm warm wie früher in Sizilien. Es gehört zu den Unehrlichkeiten der Klimadebatte, zu verschweigen, dass der Klimawandel auch Gewinner kennt. Wenn etwa in Sibirien der Permafrost auftaut, hat das zwar gravierende Folgen, etwa durch freigesetzte Treibhausgase und instabile Böden, eröffnet aber zugleich Zugang zu bislang unerreichbaren Rohstoffen.
Der nächste Punkt ist aus Ihrer Sicht zentral. Eine Krise muss Ratlosigkeit und die damit verbundene Frage auslösen: Was nun?
Auch dieses Kriterium ist nicht erfüllt. Im Gegenteil: Beim Klimawandel werden schon seit einem halben Jahrhundert eine ganze Reihe von Massnahmen diskutiert, Stichwort erneuerbare Energien. Und es hat sich ja auch schon viel verändert: Früher fuhren Autos ohne Katalysator, Solaranlagen waren kaum sichtbar. Heute liefern Solarpanels und Windräder einen wichtigen Teil des Stroms, und auch Elektroautos sind längst im Alltag angekommen.
Trotzdem steht der grosse Durchbruch noch aus. Damit kommen wir zum letzten Kriterium: Eine Krise muss klar begrenzt sein – sonst ist es keine Krise, sondern Normalität. Aber ich ahne schon: wieder kein Treffer.
Wie denn auch? Es gibt keine Rückkehr zum Status quo ante. In vorindustrielle Verhältnisse können und wollen wir nicht zurück, wir können höchstens die weitere Erwärmung stabilisieren – vielleicht bei 1.5, eher bei 2 oder 2.5 Grad Celsius.
Spätestens 2050 soll das Netto-Null-Ziel erreicht werden.
Aber auch das würde nicht bedeuten, dass eine Krise beendet ist, sondern dass wir in eine neue Dimension des Anthropozäns eintreten. Und zwar in eine, in der wir mit den Ressourcen der Erde und ihrer Atmosphäre grundlegend anders umgehen müssen als alle Zivilisationen vor uns.
Halten wir also fest: Es gibt keine Klimakrise! Weg vom agitierten Krisenmodus, hin zum nüchtern konstatierten Klimawandel: Würde das eine klügere Debatte ermöglichen?
Ich glaube schon. Es würde uns nämlich von der Fixierung lösen, eine Krise möglichst schnell bewältigen zu müssen. Zugleich könnten wir endlich offener und ehrlicher diskutieren.
Was meinen Sie damit?
Man muss offen darüber sprechen können, welche Anpassungsmassnahmen notwendig sind – lange war das verpönt. Wer zum Beispiel fragte, welche Technologien wir in Zukunft brauchen, um Städte klimafit zu machen, galt schnell als Verräter an der Klimasache.
Und ehrlicher?
Auffällig ist, dass trotz Klimaberichten, Konferenzen und Friday for Future-Bewegungen die Frage nach dem Energieverbrauch kaum eine Rolle spielt, sobald neue Branchen wie die Digitalwirtschaft wachsen. Deren Energiehunger und die damit verbundenen schädlichen Folgen werden kaum diskutiert. Ähnlich ist es bei Konflikten, bei denen enorme Emissionen durch Kampfhandlungen und militärische Infrastruktur anfallen, ohne dass dies ernsthaft thematisiert wird. Hat eigentlich schon jemand die Klimabilanz eines Krieges wie in der Ukraine oder im Iran in den Blick genommen? Oder gar in Rechnung gestellt?
Brauchen wir auch andere Erzählformen? Der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler schlägt einen poetischen Zugang zum Klimawandel vor.
Man braucht für die Beschreibung solcher Prozesse «prognostische Fantasie», um einen Begriff des von mir hochgeschätzten Philosophen Günther Anders zu verwenden. Es reicht nicht, mit Computermodellen und Zahlen zu arbeiten, man muss sich die Folgen auch konkret vorstellen können.
Dafür sind die Klimaforscher zuständig. Diese stehen oft in der Kritik, weil sie Wissenschaft und Politik vermengen und damit selber zu Klimaaktivisten werden. Wie sollten sie sich in die Debatte einbringen?
Ich bin da ganz altmodisch im Sinne von Max Weber: Wissenschaft sollte wertfrei sein. Politik hingegen ist die Auseinandersetzung um Werte und Interessen. Deshalb passen die Logiken von Wissenschaft und Politik nicht wirklich zusammen.
Auch wenn Klimabefunde scheinbar zwingende Konsequenzen nahelegen?
Es gibt kein Expertenwissen, das mich als politisches Subjekt zu einer bestimmten Handlung zwingt. Selbst wenn mir mein Arzt als starkem Raucher ein deutlich erhöhtes Lungenkrebsrisiko nachweist, kann ich sagen: «Sie haben recht, aber ich rauche trotzdem weiter.»